| |
Wiesbadener Kurier vom 1.10.2004:
Ein Leben in ständiger Ungewissheit
"Tag des Flüchtlings": Zwei Familien schildern
ihre Schicksale / Flüchtlingsräte fordern Bleiberecht
Für sie alle ist Deutschland
der Lebensmittelpunkt (von links): Ali Karatas, Sadik Kürtek
mit Tochter Zeliha, Lüftiye Kürtek, Esra und Delik.RMB/Windolf
vom 01.10.2004
Heute ist der bundesweite "Tag des Flüchtlings".
Anhand der Schicksale zweier Familien wollen der Hessische und der
Wiesbadener Flüchtlingsrat deutlich machen, dass Deutschland
ein Bleiberecht für langjährig hier lebende Ausländer
benötigt.
Von Kurier-Redakteurin
Nicola Brauch
"Ich möchte nicht in die Türkei. Ich könnte
dort überhaupt nicht zur Schule gehen, da ich die Sprache nicht
verstehe. Ich möchte lieber hier in Deutschland bleiben und
mein Abitur machen." Für die 13-jährige Dilek Kürek
ist Deutschland Heimat. Gemeinsam mit ihrem Vater Sadik, ihrer Mutter
Lüftiye und ihren drei Geschwistern lebt sie in Darmstadt.
Der Vater floh 1991 aus dem kurdischen Südosten der Türkei
nach Deutschland, die Mutter kam 1995 mit den beiden älteren
Kindern nach. Das Paar hatte die kurdische Arbeiterpartei PKK unterstützt,
Sadik war deswegen mehrmals verhaftet und massiv bedroht worden.
In Deutschland wollte die Familie ein neues Leben beginne, "ohne
Angst und ständige Bedrohung", sagt Sadik Kürtek.
Die Eltern beantragten politisches Asyl. Sadiks Antrag wurde im
Mai dieses Jahres endgültig abgelehnt, am 20. September erklärte
das Gericht seinen Fall für abgeschlossen und stellte ihm die
baldige Ausreise in Aussicht. Das Verfahren seiner Frau dauert noch
immer an. Sie wird jedoch weiterhin geduldet, da die Verfahren für
die vier Kinder noch nicht abgeschlossen sind. "Wir wissen
nicht, wie es weiter geht", sagt Sadik Kürtek. Die Familie
lebe in ständiger Angst, heute oder morgen das Land verlassen
zu müssen. Sadik arbeitet als Koch, Lüftiye als Zimmermädchen
in einem Hotel - beide wissen nicht, wie lange noch. Die beiden
jüngeren Kinder sind in Deutschland geboren, die Türkei
ist ihnen absolut fremd. "Mit Papa sprechen wir deutsch",
sagt die achtjährige Zeliha, "mit Mama kurdisch. Aber
ich kann doch kein Türkisch!" Die Familie von Ali Karatas
lebt in der gleichen Ungewissheit. Der kurdische Grundschullehrer
kam 1990 mit seiner Frau nach Deutschland, beide Kinder sind hier
geboren. Auch sie sind nur geduldet - wie lange, weiß keiner.
"Denn die Duldung ist ja keine Frist", erklärt Ines
Welge vom Flüchtlingsrat Wiesbaden, "es ist lediglich
eine vorläufige Aussetzung des Abschiebeverfahrens." Die
Schicksale der beiden Familien sind für Welge ein perfektes
Beispiel dafür, "dass wir in Deutschland unbedingt ein
Bleiberecht brauchen." Die Familie habe sich in Deutschland
eingelebt, beide Elternteile arbeiten, engagieren sich in ihrem
sozialen Umfeld. Die Kinder haben alle ausschließlich deutsche
Schulen besucht, sind hier verwurzelt. "Jetzt sollen sie alle
rausgeworfen werden - das ist für mich eine vollkommen verfehlte
Integrationspolitik", empört sie sich.
Rund 270 000 Personen leben in der Bundesrepublik seit mehreren
Jahren lediglich mit einer Duldung, weiß Christa Künzel,
Geschäftsführerin des Hessischen Flüchtlingsrates.
Etwa 150 000 davon sind vor 1997 in die Bundesrepublik gekommen,
ihre Kinder sind hier geboren, ihre Lebensmittelpunkt befindet sich
somit auch hier. Die beiden Flüchtlingsräte fordern dieses
Bleiberecht nun für Menschen ohne Aufenthaltsrecht, die seit
fünf Jahren in Deutschland leben, ebenso für Familien
mit Kindern, die seit drei Jahren in Deutschland leben und für
unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die seit zwei
Jahren hier leben. Auch für traumatisierte Kriegsopfer und
Opfer rassistischer Angriffe solle diese Regelung gelten. "Das
deutsche Asylrecht setzt voraus, dass der Antragsteller staatlich
verfolgt wird", erklärt Ines Welge. "Ein Krieg oder
Bürgerkrieg reicht jedoch für ein Asylverfahren nicht
aus." In solchen Fällen, so fordern die Flüchtlingsräte,
müssen auch humanitäre Gründe eine Rolle spielen.
|
Weiterführende Links:
|