HESSISCHER FLÜCHTLINGSRAT
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Tag des Flüchtlings 2001

 
 

Presseerklärung vom 28.09.01

Hess. Flüchtlingsrat in Besorgnis wegen afghanischer Flüchtlinge

(Marburg) Der Hessische Flüchtlingsrat erinnert anlässlich des "Tag des Flüchtlings" an das Schicksal
der Flüchtlinge aus Afghanistan. Seine Besorgnis gilt zuerst den Menschen in Afghanistan, die im Moment versuchen, sich vor einem drohenden Krieg und vor der Verfolgung Andersdenkender durch das Regime der Taliban in Sicherheit zu bringen und nun auf geschlossene Grenzen zu den Nachbarländern stoßen. Es stehe
zu befürchten, dass viele von ihnen zu Tode kommen, weil die Versorgungslage in Afghanistan nach einer Dürreperiode und bei der allgemeinen Verarmung des Landes extrem schlecht ist.
Und selbst wenn es einigen von ihnen gelingen sollte, außer Landes zu kommen, sei ihr Schicksal äußerst
ungewiss, meint der Hessische Flüchtlingsrat. Von einer Aufnahmebereitschaft könne weder in den Nachbar-staaten noch in den übrigen Teilen der Welt die Rede sein. Das habe sich erst kürzlich bei dem Drama der
Bootsflüchtlinge vor Australien gezeigt, die zum größten Teil aus Afghanistan kamen. Nach ihrer Rettung
aus Seenot durch den norwegischen Frachter "Tampa" habe sich die australische Regierung letztendlich
erfolgreich dagegen gewehrt, die Flüchtlinge aufzunehmen, so dass sie notgedrungen auf der Südseeinsel
Nauru und in Neuseeland Unterschlupf nehmen mussten.
In dieser Hinsicht sei Deutschland kein Haar besser als Australien, stellte Konrad Rüssel vom Hessischen
Flüchtlingsrat fest. Auch Deutschland biete den Flüchtlingen aus Afghanistan keine Aufnahme an, weil es
über seine Drittstaatenreglung im Asylartikel des Grundgesetzes eine reguläre Einreise verhindere.
Wenn trotzdem in den letzten Jahren Menschen aus Afghanistan nach Deutschland gekommen seien, um
hier Asyl zu suchen, dann ausnahmslos auf illegale Weise, sei es auf dem Luftwege mit gefälschten Papieren
oder mit Hilfe von Schleppern auf dem Landwege über Osteuropa. Deren gefährliche Odyssee in Containern
oder LKW-Laderäumen ende oft in Nordhessen, weil dort im Schnittpunkt dreier Autobahnen ein unerkanntes
Entkommen der Transportfahrzeuge sehr wahrscheinlich sei. Die ganze Abschottungspraxis Deutschlands
vollziehe sich nicht so spektakulär wie bei der "Tampa" vor Australien, sondern spiele sich mehr im Verborge-
nen ab, weil sie im Transitbereich des Frankfurter Flughafens und an den Ostgrenzen der Bundesrepublik
erfolge, sei aber nicht minder erbarmungslos.
In Anbetracht der dramatischen Situation in Afghanistan wäre es nach Meinung des Hessischen Flüchtlingsrates eine noble Geste, wenn sich Deutschland durch seine Bundesregierung bereit
erklären würde, ein gewisses Kontingent afghanischer Flüchtlinge aufzunehmen.
Ähnliche Aufnahmeaktionen gab es bereits für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Jugoslawien und für verfolgte Juden aus Russland.

Dem Hessischen Flüchtlingsrat sind zahlreiche Einzelschicksale von afghanischen Flüchtlingen bekannt,
die die Hoffnungslosigkeit eines Lebens unter dem Regime der Taliban belegen. So zum Beispiel das Lehrer-
ehepaar A. aus Kabul, das heimlich Kinder aus dem Bekanntenkreis unterrichtet hat, bis eines Tages das
Geheimnis herauskam und besonders Frau A. von den Taliban bedroht wurde. Oder die Schwester H. der
eben erwähnten Frau A. , die von Talibanmilizen Schläge auf die Hände bekommen hat, weil ihre Hände
beim Einkaufen etwas aus den Ärmeln herausgeschaut hatten. Anlass zu ihrer Flucht war dann das Ver-
langen eines ihrer Nachbarn, eines Talibanaktivisten, sie zu heiraten, was von ihrem Vater nicht zugelassen
wurde. Bei daraufhin vermehrten Besuchen von Talibankämpfern im Hause H. ergab sich eine bedrohliche
Situation wegen eines vorgefundenen Fernsehers, auf dem angeblich westliche Filme gesehen würden.
Alle diese Berichte sind für den Hess. Flüchtlingsrat Anlass genug, für eine großzügige Aufnahme von
Flüchtlingen aus Afghanistan zu plädieren.


Sprecher des hfr

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