Heute 76 Tage ohne Nahrung
Im Gefängnis und im Hungerstreik: Der Kurde Yusuf Karaca
soll ausgeliefert werden - Angst vor Folter
Von Andreas Berger

Kassel. Der 76. Tage ohne Nahrung. 25 Kilo Gewicht verloren. Yusuf
Karaca sitzt im Gefängnis in Wehlheiden und ist im Hungerstreik.
Grund: Der Kurde türkischer Abstammung, der am 3. Mai in Auslieferungshaft
genommen wurde, soll in die Türkei ausgeliefert werden. Und
davor hat Yusuf Angst.
Denn laut Pro Asyl, der Flüchtlingshilfe-Organisation, saß
der heute 36-Jährige dort bereits zehn Jahre lang im Gefängnis
- auf Grund eines durch Folter erzwungenen Geständnisses. In
der Türkei wird ihm vorgeworfen, Mitglied einer Terror-Organisation
zu sein. Doch nicht nur vor der Haft sei Yusuf gefoltert worden.
Immer wieder sei er während seiner Zeit im Gefängnis schwer
misshandelt worden.
Pro Asyl weiter: Im Jahr 2002 gelang ihm die Flucht nach Deutschland
- er hatte das Gefängnis zur medizinischen Behandlung verlassen
dürfen. Und im vergangenen Jahr wurde er als politischer Flüchtling
anerkannt. Deshalb nennt ein Bündnis aus linken Kasseler Organisationen,
die gestern vor dem Landgericht Kassel und auf dem Friedrichsplatz
demonstrierten, den Haftbeschluss des Oberlandesgerichts Frankfurt
einen Skandal. Denn wer als Flüchtling anerkannt sei, dürfe
nicht ausgeliefert werden. So sehe es das Gesetz vor, sagt Jann
Hellmuth, Mitglied der Kasseler Linken.ASG.
"Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun", sagt Dr.
Wolfgang Weber, Sprecher des Oberlandesgerichts Frankfurt. Auf der
einen Seite genieße Yusuf politisches Asyl. Auf der anderen
sei er in der Türkei rechtskräftig verurteilt worden -
wegen räuberischer Erpressung und Mitgliedschaft in einer Terror-Vereinigung.
Straftaten, die auch in Deutschland verfolgt würden. Deshalb
dürfe er ausgeliefert werden - wenn die Einwände des Anwalts
des 36-Jährigen nach der Prüfung dem nicht widersprächen.
Und die Einwände würden derzeit geprüft. Wenn ihm
in der Türkei tatsächlich Folter drohe, werde er nicht
ausgeliefert.
Doch habe die Türkei schon die Erklärung abgegeben, dass
Yusuf in ein Gefängnis komme, zu dem Mitarbeiter des Deutschen
Auswärtigen Amtes Zugang hätten. Und die könnten
dort kontrollieren.
Das Kasseler Bündnis macht sich aber nicht nur wegen der drohenden
Folter in der Türkei große Sorgen. "Nach über
70 Tagen Hungerstreik droht sein Tod im Zentralkrankenhaus der Justizvollzugsanstalt
Kassel."
Yusuf Karaca wurde wegen seines Hungerstreiks vor dreieinhalb Wochen
vom Gefängnis Weiterstadt in die Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt
Kassel gebracht. Den körperlichen Zustand sehen die Ärzte
des Gefängniskrankenhauses dennoch nicht so kritisch, wie es
das Bündnis tut. Jörg-Uwe Meister, Leiter der JVA Wehlheiden:
gesundheitsbedrohlich sei das, was Yusuf derzeit mache, nicht. Der
Gefangene nehme gesüßte Flüssigkeit zu sich. Eine
Zwangsernährung müssten die Ärzte derzeit noch nicht
anordnen. Sein Zustand sei derzeit nicht Besorgnis erregend. DREI
FRAGEN
08.08.2006
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